Was wäre wenn…

…die Politiker, die unser Land regieren, endlich einmal die Wahrheit sagen würden? Mal ganz ehrlich: würden wir sie dann noch wählen? Nein, das würden wir zunächst einmal nicht. Weil die Wahrheit immer voraussetzt, dass auch wir selbst wahrhaftig leben. Und wer von uns kann das schon behaupten? Wahrhaftig zu leben bedeutet, sich der Komfortzone weitestgehend zu entziehen, es bedeutet auf fast alles zu verzichten, was unsere dekadente Überfluss-Gesellschaft derzeit vorlebt. Wie kann ich guten Gewissens mein Auto volltanken, wenn ich gleichzeitig weiß, dass das Öl aus Ländern stammt, denen es unter dem Vorwand der Demokatrisierung „gestohlen“ wurde? Wie kann ich ein Smartphone besitzen, von dem ich weiß, dass es unter widrigsten Bedingungen für Mensch und Natur produziert wurde?, wie kann ich Lebensmittel (insbesondere Fleisch und Fisch) konsumieren, deren Herstellung unsagbar viel Leid erzeugen? Wie kann ich mir einen Kredit aufnehmen, von dem ich weiß, dass er mich noch abhängiger von meiner Arbeit macht, die ich ohnehin nicht gerne mag?

„Die Wahrheit hat keine Meinung“, wie es der Dresdner Sänger Michael Pritzke so schön in seinem neuen Album Nur die Wahrheit ausdrückt. Die Wahrheit lässt keinen Interpretationsspielraum zu, die Wahrheit ist immer die Liebe, die Emapthie, die Mitmenschlichkeit, es gibt keinen Grund für eine andere, für eine ausbeutende, hasserfüllte, verdrängende Wahrheit.

Plakat CDU Kopie (Inoffizielles „CDU Wahlplakat“, fotografiert in Dresden Neustadt)

Und warum leben wir dann nicht die Wahrheit? Weil wir darauf konditioniert sind, in nahezu allen Lebensbereichen zu verdrängen. Ist es da wirklich noch ein Wunder, dass wir diese Verdrängung von der nationalen und internationalen Politik als Spiegel vorgehalten bekommen? Wir – und davon bin ich aus tiefstem Herzen überzeugt – können nur etwas ändern, wenn wir uns selbst ändern, wenn wir unsere materialistische, naturfremde Lebensweise überdenken und stärker zur Einfachheit, zur ökologischen Basis zurückkehren.

Auch ich stehe hier übrigens noch am Anfang eines langen Weges. Auch ich konsumiere viel zu viel an Dingen, die ich nicht wirklich brauche, immer unter dem Aspekt, mir etwas Gutes zu tun. Ein Muster, das ich von Kindesbeinen an antrainiert bekommen habe. Aber ich merke immer häufiger, dass dieses „Gute“ alles andere als „gut“ ist. Es führt zu noch mehr Unfreiheit und unterstützt die Prozesse, die ich andererseits an unserem System kritisiere. Sich dessen bewusst zu sein und es in Gesprächen mit möglichst vielen Menschen zu kommunizieren, ist vielleicht ein erster Schritt, um das kollektive Bewusstsein für eine neue positive, altruistische und empathische Lebensweise zu stärken. Die Handlungen die dann daraus entstehen, sind allerdings von größter Bedeutung und zwar jede einzelne Handlung für sich. Wir müssen nicht gleich alles radikal ändern, um Gutes zu tun, kleine bewusste Schritte sind der Schlüssel zum Erfolg. Es ist wie bei einer Diät. Zu schnelles Abnehmen führt zu einem Jojo Effekt, so ist es auch mit unserer Lebensweise. Stück für Stück Neues zu erproben, ist die beste Methode, nachhaltig und effizient auch das große Ganze zu verändern.

Und das ist aus meiner Sicht dringend notwendig. Grundsätzlich bringt nämlich der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr Leid, als ich es noch vor wenigen Jahren jemals für möglich gehalten hätte. Wir brauchen ein neues System – den Empathielismus (eigene Wortschöpfung), der nicht das Ego sondern das Gegenüber als Leitbild hat, immer unter dem Aspekt, dass unsere Handlungen auch zu uns zurückkehren. Geben ist seeliger als nehmen, anderen eine Freude zu machen ist ein viel größeres Glück als nur in die eigene Tasche zu wirtschaften, dieses Experiment kann jeder zu jedem Zeitpunkt „wagen“, die Belohnung ist das Gefühl von tiefer Sinnhaftigkeit.

Zurück zur Politik: wenn wir die Lösung unserer Probleme auch in Zukunft ausschließlich im Außen suchen, wird sich – egal welche Partei wir wählen – natürlich nichts ändern, weil sich nichts ändern kann. Wir schaffen es ja nicht einmal unseren Partner oder unsere Kinder zu ändern – wieso glauben wir dann, dass wir durch ein Kreuz alle vier Jahre tatsächlich für eine bessere Zukunft sorgen? Auch das ist Verdrängung, weil der Mensch im tiefsten Inneren Angst vor Veränderung hat.
Wir tolerieren lieber ein ungerechtes System, das wir kennen als durch unser Handeln ein neues, ein besseres System zu installieren. Wir spüren, dass wenn wir dieses System in seiner jetzigen Form nicht mehr unterstützen, wir eine viel größere Verantwortung für alles übernehmen müssten. Wenn endlich alle Menschen ihren wahrhaftigen Seelenplan leben würden, dann hätte das für unseren Alltag weitreichende Konsequenzen. Vielleicht müssten wir dann unseren Müll selbst entsorgen (würden aber auch nicht mehr soviel produzieren), unsere Lebensmittel selbst anbauen (und darauf achten, das sie unter guten Bedingungen gedeihen), unsere Alten und Kranken selbst versorgen (weil auch sie mit uns durch dick und dünn gegangen sind), wahrscheinlich würden wir erkennen, dass in all diesen Aufgaben ein größerer Sinn steckt, vielleicht sogar der Sinn des Lebens.

Wählen wir also das Richtige, wählen wir die Rückkehr zu uns selbst, nämlich genau dass zu werden, was in uns steckt, was unsere Seele glücklich macht, für uns, für alle anderen und für eine bessere Welt.

Herzlich,

Jens Lehrich