There are no bad plants!

Unkraut zu jäten ist eine undankbare Aufgabe. Besonders dann, wenn man von seinem eigenen Sohn dafür zur Rede gestellt wird. „Papa – warum machst Du das?“ „Weil es mich stört, wenn zwischen den grauen Bodenplatten grüne, undefinierbare Gewächse hervorschauen.“ Aber Paul lässt an diesem sonnigen Morgen in Hamburg nicht locker: „Das sind doch auch Pflanzen“, protestiert er und schaut mich vorwurfsvoll an. Wenn ein 8-jähriger mit voller Überzeugung das Unkraut im eigenen kleinen Stadtgarten verteidigt, berührt mich das. Zumal Paul bereits einen großen Plan für die Zukunft hat. Er will Umweltschützer werden oder Sänger oder beides, in jedem Fall will er verhindern, dass ich dem Unkraut an den Kragen gehe. In einer engagierten Diskussion einigen wir uns darauf, dass das bereits gezupfte Unkraut nicht wieder eingepflanzt werden muss (mit dieser Forderung war er gleich an mich herangetreten), dafür aber das noch bestehende Unkraut bestehen bleibt. Paul dreht sich um und ist zufrieden mit seinem Werk, ich hingegen stehe mit einem Bündel Unkraut in der Hand vor der grünen Gartentonne und habe ein schlechtes Gewissen.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an unseren Urlaub in Süditalien vor zwei Jahren auf einer kleinen Farm in den Bergen. Der Betreiber Francesco hatte uns nach der Ankunft voller Stolz seine auf Permakultur basierende Oase gezeigt und einen Satz gesagt, der sich seitdem eingeprägt hat: „There are no bad plants!“ – es gibt keine schlechten Pflanzen. Francesco sagte das damals mit einer solch großen Überzeugung, dass niemand der kleinen Reisegruppe es gewagt hätte, dem zu widersprechen. Alles in der Natur hat einen Sinn, auch Unkraut – auch Stubenfliegen und auch wenn es schwerfällt, das zu akzeptieren: Stechmücken. Früher habe ich diese kleinen Plagegeister unkompliziert mit einem Zewa Wisch und Weg Tuch entfernt, heute muss ich sie mit Snapy „retten“. Übrigens auch eine Anweisung von Paul. Snapy ist ein kleines weißgrünes Plastikgerät, ein sogenannter Insektenfänger, der bei uns zu Hause fast täglich zum Einsatz kommt. Die Insekten werden in eine kleine Klappe gelockt und dann wieder an die frische Luft gesetzt, bis sie dann am Ende doch wieder im Haus landen. Ein schönes Spiel, das besonders dann richtig viel Spaß macht, wenn der junge Umweltschützer mal wieder nicht schlafen kann, weil Fliegen oder Mücken in seinem Zimmer für großen Aufruhr sorgen.
An diesem Morgen jedenfalls beende ich die Gartenarbeit, setze mich auf die Liege und versuche das Schöne auch im Unkraut zwischen den Bodenplatten zu sehen, mit der Erkenntnis, dass Respekt vor allem Lebendigen sicher auch dazu beitragen kann, diese Welt ein kleines Stückchen besser zu machen.