Der Sache endlich auf den Grund gehen!

Eine Schweigeminute für die Opfer von Nizza. In der Sparkassenarena in Kiel steht an diesem Samstag für einen kurzen Moment die Welt still. 10 000 Menschen gedenken der Toten des jüngsten Terroranschlages in Frankreich, der uns über die Medien seit Tagen in unser Bewusstsein „geschaufelt“ wird. Eine weitere bedrückende Nachricht macht an diesem Abend die Runde: der französische Präsident Hollande beruft alle Reservisten ein, leicht gedrückte Stimmung in der VIP LOUNGE, was hat das nun wieder zu bedeuten?
Ich bin offen und ehrlich: ich kann mich an diesem Abend auf die Schweigeminute nicht richtig konzentrieren. Ein Gedanke huscht mir immer wieder durch den Kopf: warum gedenkt eigentlich niemand der Opfer, die durch weltweite militärische Operationen unschuldig ums Leben kommen, die unter dem Deckmantel von „Peacekeeping Operations“ angeblich den weltweiten Frieden sichern sollen und dabei so viel Unheil unter der Zivilbevölkerung anrichten? Drohnen aus Ramstein, Kriege, wie der Irak 2003, die mit einer Lüge legitimiert wurden, jetzt Syrien, vielleicht Morgen der Iran oder gar Russland? Irgendwie fühlt sich das Mitleid in der Sparkassenarena einseitig und aufgesetzt an, aber alle machen mit, weil es sich natürlich nicht gehört, solche Momente kritisch zu hinterfragen.
Auch ich fühle mich irgendwie schlecht mit meinen Gedanken, weil mir natürlich die Opfer in Nizza und die Menschen unendlich leid tun, die Angehörige bei diesem feigen Anschlag verloren haben. Ich selbst habe drei großartige Kinder, eine wunderbare Frau, eine tolle Familie und mag mir nicht vorstellen, was es bedeutet, Angehörige durch Terror zu verlieren.
Dennoch tun mir eben auch die Menschen leid, von denen wir in unseren Medien kaum etwas mitbekommen, die unschuldig sterben, weil sie in einem Land leben, das unter terroristischem Generalverdacht steht. Das Interview mit Eugen Drewermann in Paderborn hat mir die Augen noch weiter geöffnet:

Wir gedenken nur dann, wenn unser eigenes auf Überfluss und Ausbeutung basierendes System in Gefahr gerät. Aber haben nicht alle Zivilisten, die unschuldig durch Militärgewalt sterben, ein Recht auf Gedenkminuten? Müssten wir nicht auch viel häufiger den Menschen gedenken, die an Hunger in der dritten Welt sterben, während wir hier vor lauter Überfluß nahezu aus allen Nähten „platzen“?

Und müssten wir nicht vor allem der Sache endlich einmal auf den Grund gehen? Uns fragen, warum es immer mehr gewaltbereite Verrückte auf dieser Welt gibt? Warum fiebern junge Männer und Frauen darauf, sich als Terroristen in die Luft zu sprengen und dabei unzählige Zivilisten mit in den Tod zu reissen? Kommen diese Menschen schon als Mörder auf die Welt? Oder hat es am Ende nicht doch auch damit zu tun, dass die Ausbeutung immer skrupelloser wird, dass weltweit die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinanderklafft? Machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir das alles immer nur auf deren extremistische Religion schieben? Wie kann ein Mensch Liebe geben, wenn er von Anfang an nur Hass und bittere Armut erfährt? Müssten wir nicht genau an dieser Stelle ansetzen und dafür sorgen, dass der Hass weniger wird. Tun wir gerade nicht alles dafür, dass genau das nicht geschieht? Mit immer mehr Waffen erzeugen wir doch keine Liebe. Wann wird uns das und vor allem der Politik endlich bewusst? Oder anders gefragt, wann wird Frieden endlich wieder mit friedlichen Mitteln herbeigeführt?

Interessanterweise bin ich mit meinen Gedanken nicht allein. Natürlich will niemand der erste sein, der diese Dinge äußert, aber wenn man es dann doch tut, stellt sich schnell heraus, dass die meisten Gäste in der Arena an diesem Abend mit denen ich spreche ähnlich denken. Besonders ein Statement eines Geschäftspartners trifft den Nagel auf den Kopf: „Wir können unser derzeitiges System nur dann aufrechterhalten, wenn wir die Wahrheit verdrängen“. Genau diese Verdrängung macht unsere Welt aber zu einer tickenden Zeitbombe.

Was können wir also tun? Die Wahrheit zu erkennen, ist der erste richtige Schritt. Ins Handeln zu kommen, ebenso unverzichtbar. Aus meiner Sicht kann jeder einzelne von uns persönlichen Frieden ausstrahlen und dazu beitragen, dass auch andere davon angesteckt werden. Je mehr, umso besser für das Ganze. Seien Sie der erste, der den Kreislauf von Aggression in ihrem persönlichen Umfeld unterbricht. Schon kleine Gesten im Alltag bewirken Wunder. Seien Sie freundlich zu ihren Mitmenschen, selbst wenn diese zunächst unfreundlich sind. Nimmt man Ihnen die Vorfahrt, lächeln Sie entspannt, will sich in der Supermarktschlange jemand vordrängeln, treten Sie locker einen Schritt zurück, sucht ein Kollege Streit, begegnen Sie ihm mit Gelassenheit. Durchbrechen Sie einfach ab und zu den Kreislauf von Aggression in allen Lebenslagen, zähmen sie den Drachen in sich, und Sie werden sehen, dass sich Ihr Umfeld sofort friedlich zum positiven verändert.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit diesem kleinen Experiment und eine friedliche Woche!

Jens Lehrich

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