Bibel 2.0

Der Skandal ereignet sich eine Viertelstunde vor Gottesdienst-Ende. Der neue „Leih-Pastor“ einer Hamburger Kirchengemeinde bringt die Ordnung des Hauptgottesdienstes an diesem Sonntag für einen Moment gründlich durcheinander. Eine ältere Dame, Anfang 80, springt von ihrer Kirchenbank auf und ruft verzweifelt: „Erst Kollekte, wir machen doch immer erst Kollekte“. Doch da ist es bereits zu spät, der Gottesdienst rollt wie eine unaufhaltsame Straßenwalze weiter in Richtung VATER UNSER. Irgendwie tut die Frau mir leid. Wie verzweifelt muss man sein, wenn man es nicht ertragen kann, dass die Kollekte, die immer nach dem Abendmahlslied und vor dem offiziellen Abendmahl kommt, versehentlich plötzlich vor das grosse Lobgebet gerückt wird ?
Grundsätzlich ist die Kirche übrigens nicht der Ort, an dem ich meine Sonntage verbringe, aber wenn mein Sohn Paul im Kirchenchor singt, dann bin ich natürlich dabei, zumal dieser Chor mit seinen zumeist fröhlichen Liedern ein echter Lichtblick im sonst eher trüben Kircheneinerlei ist.
12 reguläre Gottesdienstbesucher, kaum einer unter 80 und rund 30 Angehörige des Kinderchores, dass ist die Bilanz, die mich von Beginn an zu der Frage bringt, was hier eigentlich grundsätzlich falsch läuft?

Warum schafft es die Kirche nicht, mehr Menschen für das zu begeistern, was sie tut? Oder anders gefragt – warum passt sich die Kirche nicht den Bedürftnissen des modernen Menschen an? Damit meine ich nicht die Bibel als E-Book oder die Kollekte per Paypal. Ich meine einfach die Menschen inhaltlich dort abzuholen, wo sie sind, in einem gesellschaftlichen System lebend, das tagtäglich unglaublich viele Ängste produziert. Kirche müsste in diesen turbulenten Zeiten boomen. Es müsste eine Begegnungsstätte für jung und alt sein, ein Ort an dem viele Menschen freiwillig und gern zusammenkommen, um ein Stück Nähe und Geborgenheit zu erfahren. Mut müsste sie machen, die Kirche, Zuversicht geben, in einer Sprache die jeder versteht.
Die Predigt über Paulus ist inhaltlich an diesem Sonntag gut gewählt, es geht darum, das wir Menschen aufhören sollen über andere zu richten aber sprachlich klingt der Vortrag wie aus einer anderen Zeit-Epoche. Sicher, es gibt auch Ausnahmen. Immer wieder höre ich von Kirchengemeinden die besondere Pastoren haben und durchaus regelmässig volle Gotteshäuser. Aber das ist eben nicht die Regel. WARUM? Nur am heiligen Abend sind alle Kirchen rappelvoll. Sollte das die Kirche nicht endlich zum nachdenken bringen? Ist die Art und Weise, wie Gott heutzutage an den Mann gebracht wird, nicht lange schon überholt? Was denkt Gott selbst über diese Kirche? Hat er wirklich Freude daran? Am Kinderchor hat er seine Freude, da bin ich sicher aber der Rest sollte dringend angepasst werden, eine Bibel 2.0 wird unumgänglich, wenn die Kirche überleben will.

Ein Mann, der versucht hat die katholische Kirche inhaltlich zu reformieren, ist der in Paderborn lebende ehemalige Priester, Friedensaktivist und Kirchenkritiker Eugen Drewermann. Vor 25 Jahren ist er damit kolossal gescheitert. Die katholische Kirche hat ihn damals für psychisch krank erklärt, dabei hätte die Kirche mit ihm eine große Chance gehabt, endlich wieder die Menschen positiv emotional zu berühren. Eugen Drewermann ist für mich ein großes Vorbild, wenn es um Menschlichkeit, Mut, Frieden und bedingungslose Liebe geht. Ich habe ihn in seiner Heimatstadt zu einem Interview getroffen und ein bewegendes Gespräch mit ihm geführt, das hier ab Montag veröffentlicht wird. Wie immer freue ich mich auf Eure konstruktiven, friedlichen Kommentare.

Eugen Drewermann

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