„Attention aux Pickpockets“

Mit einem Taxi sind wir nicht nach Paris gefahren.
Auch nicht mit der Bahn, was möglicherweise, unter ökologischen Gesichtspunkten, die richtige Entscheidung gewesen wäre. Eurowings jedenfalls hat uns, meine Frau, meine beiden Kinder und mich an diesem 2. August auf dem Flughafen Charles de Gaulle „ausgekippt“ (Fachsprache bei Billig-Fliegern), ein extra bestellter Hotel VIP-Shuttle (der übrigens nur aufgrund des hohen Fahrpreises so heißt) der Firma Sixt, die sich dann natürlich vor Ort nicht zuständig fühlte, weil ein Subunternehmer diesen Shuttle betreibt, war nicht vor Ort und so begann diese Städtereise mit exakt den kleinen Widrigkeiten, die einem garantieren, dass man am Ende etwas zu erzählen hat.

Zum Beispiel dies: Seit Paris habe ich eine neue kleine Zwangsneurose, ständig kontrolliere ich, ob mein Handy und mein Portemonnaie noch bei mir sind, und dass obwohl ich die französische Hauptstadt schon längst wieder verlassen habe und in Hamburg in meinem Büro sitze. Mein Gehirn hat wahrscheinlich noch nicht mitbekommen, dass ich bereits wieder in Deutschland bin, es scheint sich wohl zu fühlen auf dem breitgetrampelten Pfad der sogenannten Pickpockets, zu deutsch: Taschendiebe, vor denen man in Paris an jeder Ecke so häufig gewarnt wird, dass man zeitweise sogar Angst um seine Unterhose hat.

Die Frage, ob zurecht, stellt sich dem einfachen Paris-Touristen nicht, schließlich habe ich selten beim „Betreten“ einer Großstadt so viele Polizisten und Soldaten auf den Straßen gesehen, die behangen mit Sturmgewehren, Granaten und Handfeuerwaffen so ausschauen, dass man ihnen zurufen möchte: „Bitte nicht stolpern“.

Pickpockets, überall Pickpockets, ein Blick auf die Details:

Auf den Champs-Élysées ist an diesem Sonntag autofrei, Fußgänger werden an sogenannten Durchlaufsperren auf Herz und Nieren geprüft doch der einzige Diebstahl, der uns hier passiert, ist der Preis für je zwei Kugeln Eis: 26 Euro grinst der freundliche Verkäufer hinterm Tresen und ich denke kurz darüber nach, ob ich nicht dort einmal das französische Militär vorbeischicken sollte, um diesen offiziellen Taschendiebstahl zu ahnden.

Auch in Marais, einem kreativen Viertel im dritten und vierten Arrondissement erleben wir eine kleine Enttäuschung, wieder kein Pickpocket! Der plötzlich neben uns stehende junge Mann will uns tatsächlich nur bei der Suche nach dem Weg helfen. Mit den Worten: „It seems you need help“, erklärt er uns geduldig, wie wir am besten zu unserem Restaurant kommen auch er führt nichts Böses im Schilde. Sogar auf dem Eifelturm: Taschendieb-Fehlanzeige, im Louvre: Fehlanzeige, Montmartre und Sacré Coeur: kein Pickpocket weit und breit.

Spät zurück in unserem kleinen Hotel erwartet uns an diesem „pickpocketfreien“ Tag eine ganz besondere Überraschung: die Zimmertür lässt sich nicht mehr öffnen, das verzweifelte Personal zeigt uns gegenüber in dieser Situation eine Freundlichkeit und Herzenswärme, die ich auf meinen Reisen nur selten erlebt habe, mein Vorschlag möglicherweise einen Pickpocket zum öffnen der Tür zu engagieren, sorgt kurzfristig für Erheiterung. Bilanz: die Tür blieb zu, wir bekamen ein neues Zimmer und mussten für diese Nacht nichts bezahlen. Auch das noch, nicht nur nicht beklaut sondern auch noch eine gratis Nacht, incredible!

Die völlig unerwartete Bilanz dieser Reise: Handys, Portemonnaies und Unterhosen sind noch da, rein gar nichts fehlt und nun hat neben der geschenkten Nacht im Hotel gerade auch noch der wirklich richtig verdächtig nach einem Abzocker aussehende Taxifahrer (Typische BILDZEITUNG Terroristen Feindbildgenese) aus eigenen Stücken 2 Euro auf den Fahrpreis nachgelassen und sich entschuldigt, dass er versehentlich einen Umweg gefahren ist. Ich bin sprachlos und gebe 4 Euro Trinkgeld, um meiner persönlichen Freude über so viel Ehrlichkeit Ausdruck zu verleihen.

Warum erzähle ich diese kleine persönliche Reise-Geschichte? Weil sie verdeutlicht, welche Vorurteile wir aufbauen und automatisch in unserem Gehirn abspeichern, wenn uns Angst gemacht wird. Natürlich gibt es haufenweise Taschendiebstahl in Paris, allein die Gebühren am EC Automaten fallen unter diese Kategorie – aber : Die meisten Menschen sind ehrlich, hilfsbereit und charmant. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen, denn nur so erkennen wir das Gute in fremden Menschen, das so wichtig ist, um gemeinsam Frieden zu schaffen und die permanent medial getriggerte Spaltung zu überwinden.

Am Ende ist dann übrigens bei dieser Reise doch noch etwas abhanden gekommen:

Mein 80 Euro teurer Leatherman, der versehentlich noch im zwölften Reißverschluss-Seitenfach meines Fjällräven (Wie spricht man das nun eigentlich aus?) Camping-Rucksacks steckte, wurde mir von dem unfreundlich schauenden Beamtem bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen abgenommen. Nennen wir es wenigstens einen kleinen Taschendiebstahl. Und wo waren nun die echten Pickpockets? Na klar, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: es ist August, auch Taschendiebe müssen einmal Urlaub machen.

In diesem Sinne: gutes, angstfreies Reisen!

4 Gedanken zu “„Attention aux Pickpockets“

  1. Magnifique !!! Danke für diesen erheiternden wie lehrreichen Text! Hach, jetzt habe ich direkt Sehnsucht nach Paris (obwohl mir dort einmal die Tasche geklaut wurde, genau wie hier in Palma, wo ich jetzt wohne. Man kann eben nicht immer nur wachsam sein. Da wird man ja irre.) Liebe Grüße nach Hamburg!!

  2. Leider hatten wir 2015 nicht so viel Glück und wurden in der Metrostation am Notre dame bestohlen. Ausweis, Geld,Karten – alles weg. Den Samstag nachmittag verbrachten wir dann auf der nächsten Polizeistation und reihten uns in eine lange Schlange von Leidensgefährten ein. Die anschließende Abklärung des Rückfluges ohne Ausweispapiere war auch nicht lustig. Möglicherweise hat die Warnung vor Taschendieben also eine gewisse Berechtigung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.