Die Glücksformel

Seit ich Kind bin, beschäftige ich mich intensiv mit dem Sinn des Lebens. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich oft abends in meinem Kinderzimmer saß und mich fragte, wer ich eigentlich bin. Warum ich meine Finger bewegen kann, wenn ich ihnen diesen Impuls gebe, warum ich gehen, mich drehen, sehen, stehen oder ganz einfach die Entscheidung treffen kann, mein Kinderzimmer nicht aufzuräumen. Seit ich mir selbst bewusst bin, wuseln mir solche Gedanken durch den Kopf, und bis heute gibt es darauf keine schlüssige Antwort. Die Frage ist auch, ob es sie überhaupt jemals geben kann? Ob das Leben sich jemals in diese Karten wird schauen lassen? Was es jedoch gibt, sind zwei völlig unterschiedliche Betrachtungsweisen: die einen, die das Leben für einen großen Zufall halten und die anderen, die glauben, man könne das Glück aktiv beeinflussen.

Letztere gelten dann meist als „esoterische Spinner“, weil es sich in unserer Gesellschaft durchgesetzt hat, dass wir nur das glauben, was wir auch sehen können. Und sehen können wir das Wunder, das sich permanent und zu jedem Augenblick zwischen Himmel und Erde ereignet, leider nicht, wir können es nur erahnen, im Herzen spüren und mit feinen Sinnen fühlen, wenn unsere spirituellen Antennen aktiviert sind.

Warum aber tun wir uns so schwer damit, uns von unserem Verstand zu lösen und die Welt durch die Augen eben dieses Wunders des Lebens zu betrachten? Weil wir uns dann eingestehen müssten, dass das Streben nach Geld, um materiell zu überleben, niemals der Sinn des Lebens sein könnte. Wir müssten uns dann die Frage nach dem eigentlichen Sinn unserer Existenz stellen und erkennen, dass der Kapitalismus uns zu Süchtigen gemacht hat und unsere eigentliche Lebensaufgabe hinter der materiellen Wand jämmerlich verkümmert. Wir müssten uns eingestehen, dass wir einen Großteil unserer bisherigen Lebenszeit für ein System geopfert haben, das sich vom eigentlichen Sinn des Lebens, der Rückverbindung mit der Natur, immer stärker entfernt. Genau das erträgt unser Verstand aber nicht, weil er sich Fehler nicht eingestehen mag und Niederlagen schon gar nicht. Deswegen bleiben wir lieber dauerhaft unglücklich und ertragen das damit verbundene Leid als mutig einen neuen, einen selbstbestimmten, freien, erfüllenden Weg zu gehen. Verrückt oder? Wir wissen das alles, aber wir bleiben Gefangene unserer eigenen Fehler, die ja als solches sogar wichtig waren, sie gemacht zu haben aber aus deren Erkenntnis wir kaum Konsequenzen für die Zukunft ziehen.

Erschwerend hinzu kommt natürlich auch, dass so ein grundlegendes Umdenken der Tod unseres auf Wachstum basierenden Wirtschaftssystems wäre, das uns im Hamsterrad gefangen hält und uns vorgaukelt, jeder, der nur fleissig genug sei, könne es ganz nach oben schaffen. Und wer es nicht schaffe, der sei halt nicht fleissig genug. Diesem Glauben hat sich unsere Gesellschaft verschrieben und jeder der ihn hinterfragt, wird schief angeschaut, denn es wird von ganz oben alles dafür getan, diese Täuschung aufrecht zu erhalten.

Wenn ich mit fremden Menschen über solche Themen spreche, und das mache ich nahezu bei jeder sich bietenden Gelegenheit, beim Taxifahren, im Schwimmbad, im Ferienflieger oder in der Warteschlange der KFZ Zulassungsstelle, dann erhalte ich für meinen Ansatz, dass in unserem heutigen Verständnis, das Leben zu leben etwas grundlegend schief läuft, breite Zustimmung. Die Sehnsucht sich selbst zu entdecken, zu verwirklichen abseits jeglicher gesellschaftlichen Zwänge, ist immens groß, der Mut dies zu tun jedoch bei den meisten Menschen nur zaghaft vorhanden.
Dennoch bin ich zutiefst davon überzeugt, dass es nie zu spät ist, damit zu beginnen. Oft höre ich das Argument, dass klingt ja alles schön und gut, aber ich bin jetzt Mitte 50, soll ich mein Leben noch einmal komplett auf den Kopf stellen? Die klare Antwort lautet: „Ja“. Wenn wir damit beginnen, die über Jahrzehnte gelebte Verdrängung (das gelebte Muster) aufzulösen und neue Schritte zu wagen, werden wir vom Leben belohnt.

„Der Erfolg eines Menschen hängt nicht von seiner Intelligenz ab sondern von seiner Fähigkeit mit Niederlagen umzugehen.“

Wer mit Niederlagen umgehen kann, wer sie nicht als Bedrohung sondern sogar als Bereicherung empfindet, wer erkannt hat, dass man nur aus Fehlern wirklich klug wird, dem wird das Leben Glück bescheren, denn den Mutigen und authentisch lebenden Menschen gehört auch zukünftig die Welt.

Auf ein glückliches Jahr 2018!

Jens Lehrich

9 Gedanken zu “Die Glücksformel

  1. Hallo Jens

    Der Einfachheit halber bleibe ich beim „du“, ok?
    Deine Worte sind eine Wohltat für meine zerkratzte Seele.
    Ich habe mich getraut, mein Leben nochmals komplett umzukrempeln.
    Habe ich mich früher immer vor fremde Karren spannen lassen, um meiner Familie gerecht zu werden bzw. jemanden dienlich zu sein, gehe ich heute meinen eigenen Weg. Ich bin 52 Jahren alt, mache im diesem Frühjahr mein Abi nach und habe mich im Anschluss für ein Studium entschieden. Die Fragen meiner Umwelt, was mir das monetär noch bringt, bestätigt deine These nach dem „hast du was, bist du was“-System unserer Gesellschaft.
    Dass ich meine Schule genieße, ist für die meisten unverständlich und befremdlich.
    Abseits gesellschaftgenormter Wege ist man leider oft auf sich alleine gestellt, es findet eine regelrechte Polarisierung statt. Zwischen „unnötiger Zeitverschwendung“, „Angeberei“, „typisch Wechseljahre“ und „mutig“, „ich bewundere das“ etc. ist ein sehr schmaler Grat.

    Mir persönlich macht hauptsächlich der Neid aus meiner eigenen Familie sehr zu schaffen. Auf der anderen Seite geben mir mein Mann, neue Freunde und Kollegen so viel Zuspruch und Unterstützung, dass es mir fast die Freudentränen in die Augen treibt. Altes loslassen, schafft Platz für Neues :-)
    In diesem Sinne ein gutes Neues Jahr 2018.
    Mal sehen, was die Zukunft noch bringt.

    Hedi

  2. Lieber Jens,

    ich habe dich gestern dank Rubikon entdeckt! Großartig, was und vor allem WIE du schreibst. Welch Wohltat immer mehr Gleichgesinnte zu finden.

    Auch die Klaviermusik beim Lesen erfüllt mich mit Frieden und sanfter Lebendigkeit.

    Ein großes Danke und schön, dich „kennenzulernen“,
    Elisa

  3. Der Sinn

    Was ist gut, was ist schlecht?
    Woher nimmst du die Wertung?
    Einen frohen Menschen erkennt man wohl leicht.
    Vielleicht kann man es daran fest machen.
    Oder an der Frage, ob ich möchte, dass es mit mir getan wird.

    Aber sonst ist nichts ‚klar‘. Es gibt keine Wahrheit.
    Und für jedes Argument gibt es ein Gegenargument.
    Probiere es.

    Wenn mir jemand seine Meinung anbietet,
    schaue ich mir erst mal das Gegenteil an und
    entscheide mich dann für das, was mir plausibler scheint.
    Ich habe keine Angst einen negativen Titel, den er mir verpasst, positiv zu tragen.
    Wenn es keine festen Werte gibt, gibt es auch keine negativen.

    Als Teil der Natur – nicht als Auserwählter – habe ich viele ‚Lebens‘-Beispiele um mich herum.
    Und sehr viel Sinn und Unsinn, wer bewertet es?

    Ich kann nur spüren, wann fühle ich mich wohl.
    In Ruhe und Kreativität schwimmend.

    Lieben Gruß
    Andreas

    1. Klasse Einstellung, sehr objektiv aber auch bedacht. Ich denke, du bist ein sehr geerdeter, ausgeglichener Mensch. Die sensibleren Menschen die die Inhalte dieser Seite für sich als Kraftquelle für den rationalen Alltag nutzen sind genauso wie du von der Tiefe der Worte angetan. Es ist unserer Individualität geschuldet, dass jeder etwas anderes für sich herausdeuten kann. Das Leben ist vielfältig. Es tut aber gut, auch mal eine Meinung zu lesen, die mit meiner konform geht, so wie die deine. :)

  4. Hi Jens,

    Musik und Worte haben eines gemeinsam: sie können dem Zuhörer etwas Wertvolles mit auf den Weg geben. Dies ist dir mit deinem Artikel gelungen. Vielen Dank dafür. :-)

    Herzliche Grüße
    Uwe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.