„Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir.“

Kommt Dir dieser Satz ungewöhnlich vor? Wenn nein, dann bist Du wahrscheinlich bereits im Thema, wenn ja, dann lade ich Dich dazu ein, gemeinsam mit mir darüber nachzudenken, warum wir im 21. Jahrhundert in Deutschland noch immer ein Schulsystem betreiben, das überwiegend aus einer Zeit stammt, in der Gehorsam und Disziplin die obersten Gebote waren?! Früher haben die Menschen geglaubt, das Gehirn sei durch Disziplin bespielbar wie eine Festplatte, heute wissen wir, dass unser Gehirn ganz anders funktioniert. Um etwas wirklich behalten zu können, braucht es einen gewissen Treibstoff, den der bekannte Hirnforscher Professor Dr. Gerald Hüther ganz einfach Begeisterung nennt.
Wenn wir uns für etwas begeistern, können wir auch mit 80 Jahren noch neurologische Höchstleistungen vollbringen und beispielsweise eine Fremdsprache lernen, umgekehrt können wir mit 30 an eben dieser Aufgabe scheitern, wenn wir uns nicht dafür begeistern. Und da Menschen Individuen sind, begeistert sich jeder Mensch für etwas anderes. Genau diesem Umstand kann die Schule mit ihrer „wir scheren alle über einen Kamm-Methode“ aber nicht gerecht werden, natürlich gibt es Reförmchen nach Reförmchen aber grundsätzlich geht es doch in erster Linie darum, die Spreu vom Weizen zu trennen, Hochbegabte rauszufischen und Versager auszusortieren. Ist jetzt der Versager aber möglicherweise nur zum Versager gestempelt worden, weil er sich eben nicht für Mathe, Chemie oder Physik in der Form begeistern konnte, wie es ihm in der Schule vermittelt wurde? Weil er über viele Jahre mit einem Stoff gequält wurde, den sein Hirn als völlig unsinnig und unnütz eingestuft hat. Oder ist es sogar gewünscht, dass die Schule bewusst Versager produziert, denn irgendjemand muss ja später auch die Berufe machen, die eigentlich keiner machen will? Provokation oder bittere Wahrheit?
Der Begriff „Wissensbulimie“ bringt die Art von unserem Lernsystem gut auf den Punkt, wir quälen uns Wissen rein, spucken es zu einem definierten Zeitpunkt (Klausur) wieder aus und haben es meistens für immer verloren. Was soll das? Warum ist es aus Sicht des schulischen Systems nichts wert, wenn ein Kind sich für Fußball, Malerei, Musik, Tanz oder Schauspiel begeistert, während die Anwendung des Satz des Pythagoras jedem „PISA-Fetischisten“ leuchtende Augen beschert? Wann hast Du in der realen Welt zuletzt mit dem Satz des Pythagoras gerechnet? An der Supermarktkasse? Bei der Steuererklärung oder abends bei einem romantischen Glas Rotwein mit Deiner Freundin oder Frau? „Schatz, ich wollte mit Dir heute endlich mal über den Satz des Pythagoras sprechen.“

Mich selbst hat dieses System fast zwei Jahrzehnte bis zum Abitur gequält, noch Jahre später wachte ich schweißgebadet auf, mit dem Albtraum, ich hätte mein Abitur nicht bestanden. Aber Anfang der 90 er Jahre gab es für mich keine Alternative, ich musste da durch, meine Eltern hätten auch ihren letzten Groschen für Nachhilfe in mich investiert, einfach nur, damit ihr Sohn sein Abitur schafft. Das gehörte sich einfach so, wenn man kein Außenseiter sein wollte.
Habe ich geschafft – und wie ich es geschafft habe? Natürlich mit Begeisterung. Aber eben nicht für meine Leistungskurse. Und schon gar nicht für meine Grundkurse. Mit Begeisterung für den Journalismus. In der 11 Klasse begann ich in meiner Heimat Bad Salzuflen für die Lippische Landeszeitung als Reporter zu schreiben. Und das mit einer schwachen 4 in Deutsch. Dennoch: meine Artikel formulierte ich derart engagiert und lebendig, dass sogar der Chefredakteur auf mich aufmerksam wurde und mir nach knapp einem Jahr noch während meiner Abizeit ein Volontariat (Ausbildung zum Redakteur) in Aussicht stellte. So bot ich der Redaktion regelmäßig Artikel über Aktionen an unserer Schule an – was den Lehrern schmeichelte – und im Gegenzug verzieh man mir wohl die ein oder andere kleine Schwäche in Französisch oder Mathematik.

Wie aber soll eine Schule 2.0 dann überhaupt in Zukunft gestaltet sein? Die 10-jährige Tochter einer befreundeten Nachbarsfamilie malte neulich ungefragt im Büro ihrer Eltern ihren ganz persönlichen Wunschstundenplan auf:
Wunsch Stundenplan
Hier bekommt das Wunschdenken vieler Schülerinnen und Schüler ein Gesicht: mit nur einer Stunde Mathe pro Woche am Donnerstag und einem komplett freien Freitag. Der freischaffende Philosoph und Kinderrechtler Bertrand Stern, den ich in Hamburg zu einem Interview getroffen habe, geht noch viel weiter.
Bild Bertrand Stern
Er hält die Schulpflicht in Deutschland für längst überfällig. Seine Forderung: jeder junge Mensch (Stern vermeidet bewusst den Begriff Kind, weil für ihn das Wort Kind Menschen zum Objekt degradiert) hat das Recht frei sich zu bilden. Er sieht die Schulpflicht als eine staatlich organisierte Bevormundung und Entmündigung der jungen Menschen. Keine Reform kann laut Stern die Schule je zu dem machen, wofür sie selbst im optimistischsten Fall da sein sollte: die Potentiale junger Menschen zu entfalten, um sie zu zufriedenen, kreativen und lebensbejahenden Menschen zu machen.

Mehr Infos unter www.bertrandstern.de

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